Auf dieser Seite können Sie eine der letzten Predigten noch einmal nachlesen:
Gottesdienst am 29. 1. 2012 – Letzter Sonntag nach Epiphanias
Predigttext: Offb 1, 9-18
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Liebe Gemeinde!
Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches. (Offb 1, 17c-18)
So spricht der Auferstandene, der himmlische Christus in einer Vision zu Johannes, dem Seher, dem Verfasser der sogenannten Offenbarung des Johannes:
ich habe den Tod besiegt und in meinen Händen liegen die Schlüssel für das Tor zwischen unserer irdischen Welt und jener Welt, in welche die Menschen mit ihrem Sterben hineingehen.
„Wenn wir dir auch die Ruhe gönnen,
so ist voller Trauer unser Herz;
dich leiden sehen und nicht helfen können,
war unser allergrößter Schmerz.“
so sprechen Angehörige einer Verstorbenen zu ihr, zu dieser Verstorbenen – obwohl die Verstorbene, zumindest nach landläufiger Meinung hier in Ostdeutschland, doch gar nichts mehr hören kann, wird sie in der Traueranzeige direkt angesprochen.
„Wenn die Kraft zu Ende geht,
ist Erlösung eine Gnade.
Vorbei für dich ist aller Schmerz,
schlaf wohl, unser liebes Vaterherz.“ – so in einer weiteren Todesanzeige aus der vergangenen Woche in der Lokalzeitung
„Dich verlieren war schwer,
dich vermissen noch viel mehr.“ – so steht es in einer anderen Annonce auf derselben Zeitungsseite und sehr häufig finden sich die Worte zu lesen:
„Ganz still und leise, ohne ein Wort,
gingst du von deinen Lieben fort.
Du hast ein gutes Herz besessen ...“
und noch ein letztes Beispiel, ich habe nur zwei Zeitungsausgaben aus der vergangenen Woche noch einmal aufgeschlagen, um eine Fülle von Beispielen dafür zu finden, dass es gar nicht stimmen kann, was immer wieder gedankenlos behauptet wird, theoretisch behauptet wird von vielen Menschen bei der Frage, was im Sterben geschieht, was mit unseren Verstorbenen geschehen ist, was mit uns selber geschehen wird, wenn wir einmal sterben werden –
wenn es stimmen würde, was immer wieder leichtfertig behauptet wird, dass nämlich mit dem Tod und nach dem Tod eines Menschen einfach gar nichts mehr kommt, bloß weil die Verwesung eines Verstorbenen, die Zerstörung seines Leibes eine unbezweifelbare Tatsache darstellt –
wenn dies stimmen würde, hätte es keinen Sinn, solche Sätze zu formulieren:
„Dein Wille war so stark,
du wolltest die Krankheit bezwingen, …
vergeblich war dein Ringen …“
Mit wem sprechen die Angehörigen hier? Mit jemandem, der nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr wahrnehmen kann?! Was soll dann diese Rede?!
Wären wir in Bayern, wo vielleicht 70, 80 oder gar 90% der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, dann könnte man dieses Ergebnis beim Blick in die Tageszeitung damit erklären, dass die christliche Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott und in seinem Reich eben noch mächtig vorhanden ist … aber hier, in unserer Region:
in der Stadt Gera gehören weniger als zehn Prozent der Bevölkerung einer christlichen Gemeinde an, bei uns in Ronneburg sind es 15% der Bevölkerung, in den umliegenden Dörfern mögen es noch 30 oder 40% sein –
wir Christen mit unserer Hoffnung auf eine Fortexistenz über den Tod hinaus sind in der ostdeutschen Gesellschaft eine kleiner werdende Minderheit –
wie kommt es, dass mindestens in jeder zweiten Todesanzeige die Verstorbenen gar nicht als tot erscheinen,
sondern angeredet werden, beklagt werden, gelobt, gerühmt, in – liebevollen oder traurigen Erinnerungen beschworen und angesprochen werden?!
Ich denke, liebe Gemeinde, das liegt daran, dass die wahre Wirklichkeit, die jeder Mensch in irgendeiner Weise empfindet, sich bemerkbar macht und sich zur Sprache bringt und dass daran nicht einmal 40 Jahre atheistische und pseudowissenschaftliche Agitation und Propaganda etwas ändern konnten:
natürlich sind die Toten nicht tot, Christa Wolf, die kürzlich verstorbene ostdeutsche Schriftstellerin, Mitglied der SED bis 1989 beginnt eins ihrer Bücher mit dem Satz:
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen …“
Das Vergangene ist gegenwärtig, die Toten können angesprochen werden und auch Menschen, die gar nicht zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern und aktiven Gläubigen in den Gemeinden gehören, erzählen mir bei Gelegenheit regelmäßig, dass sie – selbstverständlich – mit ihrem verstorbenen Ehemann, ihrer Tochter, mit ihrem Bruder oder ihrer Großmutter sprechen, Zwiesprache halten – an deren Gräbern oder auch sonst im Alltag die Verstorbenen nicht als tot, sondern als gegenwärtig wissen –
und das offensichtlich unabhängig vom ansonsten praktizierten oder eben nicht praktizierten christlichen Glauben … !
Doch wo befinden sich die Verstorbenen? Wo ist ihr Ort, ihr Aufenthaltsraum, da sich ihr zerfallender Leib doch offensichtlich in einem Grab, in einem Sarg oder in einer Urne befindet?
Im ersten Testament unserer christlichen Bibel, im sogenannten Alten Testament findet sich die Vorstellung einer Art „Schattenwelt“, in der sich die Verstorbenen abgeschieden, leblos und kraftlos aufhalten (Ps 88, Jes 38, 18), nicht mehr lebendig, nicht mehr kräftig und aktiv sind, aber eben auch nicht einfach ausgelöscht und im Nichts verschwunden sind – so mächtig ist das Nichts nicht.
Im Alten Testament ist auch die Rede davon, dass der von Gott gegebene Lebensodem im Moment des Todes den Leib des Menschen verlässt und wieder zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. (Pred 12, 7)
und im 1. Buch Samuel wird davon erzählt, dass der König Saul in seiner Not und politischen Ratlosigkeit zu einer Totenbeschwörerin geht, die ihm eben jenen abgeschiedenen Geist des verstorbenen weisen Propheten Samuel aus dem Totenreich rufen soll, damit er sich von ihm einen Rat erbitten könne …
In Jesaja, Kapitel 14 wird beschrieben, wie der gestürzte und getötete König von Babylon in der Unterwelt, im Hades, in jenem Totenreich von den bereits dort Anwesenden mit einer Art Spott- und Triumphlied empfangen wird …
Und im Neuen Testament stirbt der arme Lazarus und wird von den Engeln getragen in „Abrahams Schoß“ und der reiche Mann, vor dessen Tür der arme Mann gelegen und gebettelt hat, stirbt ebenfalls und schlägt an einem Ort namens Hades die Augen auf, an dem es ihm – im Unterschied zu seinem Leben in Saus und Braus – gar nicht gut geht, er leidet Qualen und er bittet Abraham um ein wenig Erleichterung und er bittet Abraham, Boten zu seiner Familie zu senden mit der Warnung, ihr Leben weise zu führen, damit sie nicht ebenfalls an diesen Ort der Qualen kommen …
Man mag theoretisch über diese Vorstellungen lächeln und sie als mythologische Märchen beiseite legen –
ein einziger Blick in eine heutige ganz normale Tageszeitung in einer Gegend, in der über 80% der Bevölkerung gar keiner Kirche angehören, belehrt uns eines Besseren:
die Toten sind nicht tot, das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen und in ihrem tiefsten Herzen wissen das die Menschen auch bzw. sprechen es – bewusst oder sogar unbewusst – in ihren Todesanzeigen aus:
„Dich verlieren war schwer,
dich vermissen noch viel mehr.“
Natürlich sind wir, die Lebenden, von den Verstorbenen getrennt, sie sind nicht mehr so gegenwärtig, wie sie zu ihren Lebzeiten für uns gegenwärtig gewesen sind –
aber deswegen sind sie noch lange nicht im Nichts verschwunden –
und, was am Ende noch wichtiger ist: zumal für uns, die wir den Moment unseres Sterbens früher oder später noch vor uns haben:
mit dem Sterben ist nicht nur nicht alles aus, mit dem Sterben ist auch nicht einfach die Erlösung, die Versöhnung und der Empfang des Friedens verbunden:
wenn ein Mensch stirbt, der hier in diesem Leben mit seinen Mitmenschen überworfen und zerstritten war, ein Mensch, dessen Seele vergiftet gewesen ist von Missgunst, Hass, Neid und Streit –
denken wir ernsthaft, dass der dann einfach zur Ruhe und zum Frieden gelangt, bloß weil er ins Totenreich hinübergeht?
Warum sollte jemand, der sein Leben lang so etwas wie Reue, Umkehr, Vergebung und die Bitte um Versöhnung und Frieden kategorisch abgelehnt hatte, im Tod und durch das Sterben – wahrscheinlich nach unserer Geburt die heftigste Erfahrung unseres gesamten Lebens,
warum sollte jemand durch diese ungeheure harte und brutale Erfahrung, dass ihm durch Alter und Altersschwäche, oder durch eine tödliche Krankheit oder durch einen Unfall mit Todesfolge die Lebenskraft genommen, brutal geraubt wird –
warum sollte jemand durch dieses harte und ungemein brutale Widerfahrnis plötzlich zum Frieden, zur inneren Ruhe und zur Versöhnung gelangen,
wenn er sein Leben hindurch dem Frieden, der inneren Ruhe und der Versöhnung immer kräftig aus dem Weg gegangen ist?!
Ist nicht das Gegenteil viel wahrscheinlicher, viel realistischer, das Bild, das uns die Heilige Schrift entwirft, dass jemand, der unversöhnt und gekränkt stirbt, jemand, dessen Seele schon zu Lebzeiten von Hass, Neid, Arroganz und Egoismus zerfressen und vergiftet wurde, nun auch in jenem Totenreich von diesen Giften gepeinigt und geplagt wird?!
Hier irren die Todesanzeigen, die davon auszugehen scheinen, dass jemand einfach durch den Tod und im Tod Ruhe und Frieden findet – das ist zu kurz gedacht:
ohne Versöhnung, Versöhnung mit Gott, mit sich selber und mit den Mitmenschen, auch Versöhnung mit den schwierigen Dingen und Ereignissen des eigenen Lebens gibt es keinen Frieden – wo sollte dieser Frieden denn herkommen ohne Versöhnung?!
Doch ich habe auch an dieser Stelle Hoffnung, Hoffnung, die mit unserem heutigen Predigttext zusammenhängt, jener Verheißung Jesu Christi, die von mir jedenfalls bei jeder Trauerfeier am offenen Grab gesprochen wird, egal, wie jemand gelebt hat und wie jemand gestorben ist:
Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.
Gott sei Dank hat der Versöhner, Christus, die Schlüssel des Todes und des Totenreiches und ich hoffe darauf, dass dieser Versöhner und die von ihm gestiftete Versöhnung auch dort hingelangt, wo die Versöhnung zu Lebzeiten des Verstorbenen keine Chance hatte, zu kurz kam, misslang ….
Diese Hoffnung habe ich,
dass die Versöhnung durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi so mächtig ist, dass sie sogar noch im Totenreich Wirkungen zeitigt und Früchte bringt –
denn ohne Versöhnung gibt es keinen Frieden – zu Lebzeiten nicht und erst recht nicht in Ewigkeit.
Christus hat die Schlüssel – zur Versöhnung und zum Totenreich und sein Friede, der Friede Gottes, der höher ist als aller Menschen Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in IHM, in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen
Predigttext: Offb 1, 9-18
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Liebe Gemeinde!
Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches. (Offb 1, 17c-18)
So spricht der Auferstandene, der himmlische Christus in einer Vision zu Johannes, dem Seher, dem Verfasser der sogenannten Offenbarung des Johannes:
ich habe den Tod besiegt und in meinen Händen liegen die Schlüssel für das Tor zwischen unserer irdischen Welt und jener Welt, in welche die Menschen mit ihrem Sterben hineingehen.
„Wenn wir dir auch die Ruhe gönnen,
so ist voller Trauer unser Herz;
dich leiden sehen und nicht helfen können,
war unser allergrößter Schmerz.“
so sprechen Angehörige einer Verstorbenen zu ihr, zu dieser Verstorbenen – obwohl die Verstorbene, zumindest nach landläufiger Meinung hier in Ostdeutschland, doch gar nichts mehr hören kann, wird sie in der Traueranzeige direkt angesprochen.
„Wenn die Kraft zu Ende geht,
ist Erlösung eine Gnade.
Vorbei für dich ist aller Schmerz,
schlaf wohl, unser liebes Vaterherz.“ – so in einer weiteren Todesanzeige aus der vergangenen Woche in der Lokalzeitung
„Dich verlieren war schwer,
dich vermissen noch viel mehr.“ – so steht es in einer anderen Annonce auf derselben Zeitungsseite und sehr häufig finden sich die Worte zu lesen:
„Ganz still und leise, ohne ein Wort,
gingst du von deinen Lieben fort.
Du hast ein gutes Herz besessen ...“
und noch ein letztes Beispiel, ich habe nur zwei Zeitungsausgaben aus der vergangenen Woche noch einmal aufgeschlagen, um eine Fülle von Beispielen dafür zu finden, dass es gar nicht stimmen kann, was immer wieder gedankenlos behauptet wird, theoretisch behauptet wird von vielen Menschen bei der Frage, was im Sterben geschieht, was mit unseren Verstorbenen geschehen ist, was mit uns selber geschehen wird, wenn wir einmal sterben werden –
wenn es stimmen würde, was immer wieder leichtfertig behauptet wird, dass nämlich mit dem Tod und nach dem Tod eines Menschen einfach gar nichts mehr kommt, bloß weil die Verwesung eines Verstorbenen, die Zerstörung seines Leibes eine unbezweifelbare Tatsache darstellt –
wenn dies stimmen würde, hätte es keinen Sinn, solche Sätze zu formulieren:
„Dein Wille war so stark,
du wolltest die Krankheit bezwingen, …
vergeblich war dein Ringen …“
Mit wem sprechen die Angehörigen hier? Mit jemandem, der nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr wahrnehmen kann?! Was soll dann diese Rede?!
Wären wir in Bayern, wo vielleicht 70, 80 oder gar 90% der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, dann könnte man dieses Ergebnis beim Blick in die Tageszeitung damit erklären, dass die christliche Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott und in seinem Reich eben noch mächtig vorhanden ist … aber hier, in unserer Region:
in der Stadt Gera gehören weniger als zehn Prozent der Bevölkerung einer christlichen Gemeinde an, bei uns in Ronneburg sind es 15% der Bevölkerung, in den umliegenden Dörfern mögen es noch 30 oder 40% sein –
wir Christen mit unserer Hoffnung auf eine Fortexistenz über den Tod hinaus sind in der ostdeutschen Gesellschaft eine kleiner werdende Minderheit –
wie kommt es, dass mindestens in jeder zweiten Todesanzeige die Verstorbenen gar nicht als tot erscheinen,
sondern angeredet werden, beklagt werden, gelobt, gerühmt, in – liebevollen oder traurigen Erinnerungen beschworen und angesprochen werden?!
Ich denke, liebe Gemeinde, das liegt daran, dass die wahre Wirklichkeit, die jeder Mensch in irgendeiner Weise empfindet, sich bemerkbar macht und sich zur Sprache bringt und dass daran nicht einmal 40 Jahre atheistische und pseudowissenschaftliche Agitation und Propaganda etwas ändern konnten:
natürlich sind die Toten nicht tot, Christa Wolf, die kürzlich verstorbene ostdeutsche Schriftstellerin, Mitglied der SED bis 1989 beginnt eins ihrer Bücher mit dem Satz:
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen …“
Das Vergangene ist gegenwärtig, die Toten können angesprochen werden und auch Menschen, die gar nicht zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern und aktiven Gläubigen in den Gemeinden gehören, erzählen mir bei Gelegenheit regelmäßig, dass sie – selbstverständlich – mit ihrem verstorbenen Ehemann, ihrer Tochter, mit ihrem Bruder oder ihrer Großmutter sprechen, Zwiesprache halten – an deren Gräbern oder auch sonst im Alltag die Verstorbenen nicht als tot, sondern als gegenwärtig wissen –
und das offensichtlich unabhängig vom ansonsten praktizierten oder eben nicht praktizierten christlichen Glauben … !
Doch wo befinden sich die Verstorbenen? Wo ist ihr Ort, ihr Aufenthaltsraum, da sich ihr zerfallender Leib doch offensichtlich in einem Grab, in einem Sarg oder in einer Urne befindet?
Im ersten Testament unserer christlichen Bibel, im sogenannten Alten Testament findet sich die Vorstellung einer Art „Schattenwelt“, in der sich die Verstorbenen abgeschieden, leblos und kraftlos aufhalten (Ps 88, Jes 38, 18), nicht mehr lebendig, nicht mehr kräftig und aktiv sind, aber eben auch nicht einfach ausgelöscht und im Nichts verschwunden sind – so mächtig ist das Nichts nicht.
Im Alten Testament ist auch die Rede davon, dass der von Gott gegebene Lebensodem im Moment des Todes den Leib des Menschen verlässt und wieder zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. (Pred 12, 7)
und im 1. Buch Samuel wird davon erzählt, dass der König Saul in seiner Not und politischen Ratlosigkeit zu einer Totenbeschwörerin geht, die ihm eben jenen abgeschiedenen Geist des verstorbenen weisen Propheten Samuel aus dem Totenreich rufen soll, damit er sich von ihm einen Rat erbitten könne …
In Jesaja, Kapitel 14 wird beschrieben, wie der gestürzte und getötete König von Babylon in der Unterwelt, im Hades, in jenem Totenreich von den bereits dort Anwesenden mit einer Art Spott- und Triumphlied empfangen wird …
Und im Neuen Testament stirbt der arme Lazarus und wird von den Engeln getragen in „Abrahams Schoß“ und der reiche Mann, vor dessen Tür der arme Mann gelegen und gebettelt hat, stirbt ebenfalls und schlägt an einem Ort namens Hades die Augen auf, an dem es ihm – im Unterschied zu seinem Leben in Saus und Braus – gar nicht gut geht, er leidet Qualen und er bittet Abraham um ein wenig Erleichterung und er bittet Abraham, Boten zu seiner Familie zu senden mit der Warnung, ihr Leben weise zu führen, damit sie nicht ebenfalls an diesen Ort der Qualen kommen …
Man mag theoretisch über diese Vorstellungen lächeln und sie als mythologische Märchen beiseite legen –
ein einziger Blick in eine heutige ganz normale Tageszeitung in einer Gegend, in der über 80% der Bevölkerung gar keiner Kirche angehören, belehrt uns eines Besseren:
die Toten sind nicht tot, das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen und in ihrem tiefsten Herzen wissen das die Menschen auch bzw. sprechen es – bewusst oder sogar unbewusst – in ihren Todesanzeigen aus:
„Dich verlieren war schwer,
dich vermissen noch viel mehr.“
Natürlich sind wir, die Lebenden, von den Verstorbenen getrennt, sie sind nicht mehr so gegenwärtig, wie sie zu ihren Lebzeiten für uns gegenwärtig gewesen sind –
aber deswegen sind sie noch lange nicht im Nichts verschwunden –
und, was am Ende noch wichtiger ist: zumal für uns, die wir den Moment unseres Sterbens früher oder später noch vor uns haben:
mit dem Sterben ist nicht nur nicht alles aus, mit dem Sterben ist auch nicht einfach die Erlösung, die Versöhnung und der Empfang des Friedens verbunden:
wenn ein Mensch stirbt, der hier in diesem Leben mit seinen Mitmenschen überworfen und zerstritten war, ein Mensch, dessen Seele vergiftet gewesen ist von Missgunst, Hass, Neid und Streit –
denken wir ernsthaft, dass der dann einfach zur Ruhe und zum Frieden gelangt, bloß weil er ins Totenreich hinübergeht?
Warum sollte jemand, der sein Leben lang so etwas wie Reue, Umkehr, Vergebung und die Bitte um Versöhnung und Frieden kategorisch abgelehnt hatte, im Tod und durch das Sterben – wahrscheinlich nach unserer Geburt die heftigste Erfahrung unseres gesamten Lebens,
warum sollte jemand durch diese ungeheure harte und brutale Erfahrung, dass ihm durch Alter und Altersschwäche, oder durch eine tödliche Krankheit oder durch einen Unfall mit Todesfolge die Lebenskraft genommen, brutal geraubt wird –
warum sollte jemand durch dieses harte und ungemein brutale Widerfahrnis plötzlich zum Frieden, zur inneren Ruhe und zur Versöhnung gelangen,
wenn er sein Leben hindurch dem Frieden, der inneren Ruhe und der Versöhnung immer kräftig aus dem Weg gegangen ist?!
Ist nicht das Gegenteil viel wahrscheinlicher, viel realistischer, das Bild, das uns die Heilige Schrift entwirft, dass jemand, der unversöhnt und gekränkt stirbt, jemand, dessen Seele schon zu Lebzeiten von Hass, Neid, Arroganz und Egoismus zerfressen und vergiftet wurde, nun auch in jenem Totenreich von diesen Giften gepeinigt und geplagt wird?!
Hier irren die Todesanzeigen, die davon auszugehen scheinen, dass jemand einfach durch den Tod und im Tod Ruhe und Frieden findet – das ist zu kurz gedacht:
ohne Versöhnung, Versöhnung mit Gott, mit sich selber und mit den Mitmenschen, auch Versöhnung mit den schwierigen Dingen und Ereignissen des eigenen Lebens gibt es keinen Frieden – wo sollte dieser Frieden denn herkommen ohne Versöhnung?!
Doch ich habe auch an dieser Stelle Hoffnung, Hoffnung, die mit unserem heutigen Predigttext zusammenhängt, jener Verheißung Jesu Christi, die von mir jedenfalls bei jeder Trauerfeier am offenen Grab gesprochen wird, egal, wie jemand gelebt hat und wie jemand gestorben ist:
Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.
Gott sei Dank hat der Versöhner, Christus, die Schlüssel des Todes und des Totenreiches und ich hoffe darauf, dass dieser Versöhner und die von ihm gestiftete Versöhnung auch dort hingelangt, wo die Versöhnung zu Lebzeiten des Verstorbenen keine Chance hatte, zu kurz kam, misslang ….
Diese Hoffnung habe ich,
dass die Versöhnung durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi so mächtig ist, dass sie sogar noch im Totenreich Wirkungen zeitigt und Früchte bringt –
denn ohne Versöhnung gibt es keinen Frieden – zu Lebzeiten nicht und erst recht nicht in Ewigkeit.
Christus hat die Schlüssel – zur Versöhnung und zum Totenreich und sein Friede, der Friede Gottes, der höher ist als aller Menschen Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in IHM, in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen